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Leseproben |
Heckenrosen (Detlef Albrecht)
Von ganzem Herzen (Gabriele Bartolomaeus)
Geburtstagslaune (Susanne Dremel-Malitte)
Weiß (Claudia Prüß)
Zeit (Angela Werner)
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Es ist doch erstaunlich, wo sie sich überall wiederfinden. Ganz unverhofft auf einem Weg, an einem Haus, auch irgendwo in der Wildnis rieche ich Heckenrosen. Immer, bevor ich sie überhaupt sehe. Ich muss blind durch die Welt laufen, denn es gibt doch wohl kaum auffälligere Blumen als Heckenrosen. Ihre schreiend pinkfarbenen Blüten öffnen sich so weit, dass sich das Innerste sofort nach außen kehrt, fast ein wenig schamlos, denke ich, denn andere Blüten entfalten ihre Schönheit nur langsam, machen es Insekten schwer, bis zu den Pollen vorzudringen, und erst im letzten Stadium ihrer Blüte, wenn die Blätter schon schlaff hängen und sich langsam entfärben, lassen sie einen Blick in das Innere zu.
Nicht so Heckenrosen. Prahlend lassen sie ihre Farben aufleuchten, verschwenderisch, manch einer mag sagen: aufdringlich verströmen sie ihren Duft. Der kann für mich aber gar nicht aufdringlich genug sein, denn He-ckenrosen riechen immer nach Freibad, so sehr, dass ich einen kleinen Hauch Chlor wahrnehme. Sie riechen immer nach Düne am Ostseestrand, so stark, dass ich einen Hauch Tang mit rieche. Auf jeden Fall riechen sie immer nach Urlaub. Und deshalb ertrage ich ihre Blüten nur zu gern.
Detlef Albrecht
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Von ganzem Herzen
guten Mächten
nicht geborgen
nie mehr
wunderbar
Von ganzem Herzen
wir Dich finden
Du Dich suchen
Von ganzem Herzen
lieben
und es pumpt
und es reißt
zwei Adern
zwei Kammern
Mitte des Leibs
Von ganzem Herzen
Dich suchen
und es reißt
Gabriele Bartolomaeus |
Warten
an der Fußgängerampel
dem Brummifahrer
in die Augen sehen
na
wer grinst zuerst
okay
ich hab verloren
Susanne Dremel-Malitte
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Nur zögernd setzt er den Farbeimer auf den Boden ab. Noch einmal fühlt er das Holz des Pinsels in der Hand, dann stellt Gerd ihn in den Eimer. Sein Haus ist fertig. Ein schönes Haus, das er sich gebaut hat. Nicht sein Haus, aber das Haus, in dem er sein darf. Zum Schluss hat er es ganz weiß gestrichen. Alles in Weiß. Weiß lenkt nicht ab - lässt den Fragen freien Lauf. Ob es antworten wird im Laufe der Jahre? Der Tischler bringt den großen Stuhl. Hierin wird er sich im Sitzen üben und auch schlafen. Er wird die heiligen Schriften studieren - seinen Geist schulen. Aufmerksam sein. Die Texte hat er bereits in das Regal gelegt. Einzelne Blätter, die sorgfältig in frohe bunte Tücher gelegt wurden. Seine Hand fährt liebkosend darüber. Er kann es nicht erwarten, sie aufzublättern. Immer und immer wieder zu lesen. Alles ist nun bereit. Vor dem Tor verabschiedet er Eltern und Freunde. Besitz hat er schon lange nicht mehr. Er hat gefunden - die Suche kann beginnen. Lebenslänglich - die Tür hinter ihm schließt sich leise. Aus dem Fenster sieht man weit über das hügelige Land bis hin zu der Gebirgskette - wenn der Himmel klar ist.
Claudia Prüß
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[...] In der Sommersonne auf der Bank im Krankenhausgarten. Viele Apfelbäume. Es ist ein guter Apfelsommer. Die Bäume sind voll. Es ist Nachmittag, die Sonne umhüllt und wärmt ganz durch. Kein Warten, Zeit unendlich: die Wärme, die Äpfel, die Wiese, die Bank. Dann fällt ein Apfel vom Baum. Er platscht nicht auf, mit einem dumpfen satten Ton liegt er im Gras. Sonnenwarm.
Es fielen, plumpsten, kollerten noch viele Äpfel an diesem Tag von ihren Zweigen - verschwenderisch viele in meiner Zeit.
Angela Werner
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